"Hauptschüler individuell fördern"

foersterling.jpgINTERVIEW Von Mirco Moormann für die NRZ mit Björn Försterling MdL, der bildungs- und jugendpolitische Sprecher der Liberalen referiert auf Einladung der FDP im Kreis Cloppenburg an diesem Freitag im Landgasthof Pollmeyer in Thüle ab 19.30 Uhr zum Thema "Bildungsvielfalt Niedersachsen".

Frage: Zum Thema Abitur nach 12 Jahren gehen die Meinungen weit auseinander. Wie stehen Sie zum dem Thema?

Fösterling: Unsere Abiturienten waren im internationalen Vergleich im Durchschnitt zu alt, mit der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre haben wir, aber auch viele andere Bundesländer, darauf reagiert. Übrigens haben die Schüler und Schülerinnen in den meisten neuen Bundesländern schon immer nach zwölf Jahren ihr Abitur gemacht. Wir sehen, dass viele Schülerinnen und Schüler die Fülle des Stoffes beklagen. Hier werden wir die Lehrpläne kritisch überprüfen müssen – dies darf aber nicht zu Lasten der Qualität und des Niveaus des Abiturs gehen. Wir werden in den nächsten Jahren auch die Einrichtung von Gymnasien als Ganztagsschulen weiter forcieren.

Frage: Wie kann der große Ansturm an Abiturienten – im Jahr 2011 werden zwei Jahrgänge parallel ihr Abitur machen – auf dem Arbeitsmarkt bewältigt werden?

Försterling: Einerseits haben wir bereits im Jahr 2007 begonnen, die Zahl der Studienanfängerplätze auszubauen. Allein bis 2010 werden wir in Niedersachsen über 11 000 zusätzliche Studienanfängerplätze schaffen und auch danach werden wir die Kapazitäten weiter ausbauen. Hierzu haben sich übrigens alle Bundesländer im Hochschulpakt 2020 verpflichtet. Andererseits gilt es natürlich auch den Ausbildungsmarkt im Auge zu behalten. Wir sind mit dem Ausbildungspakt auf einem guten Weg. Wir haben in Niedersachsen die Trendwende geschafft, seit dem letzten Jahr konnten wieder mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen werden und auch wieder Jugendliche vermittelt werden, die im Jahr zuvor noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Angesichts des schon heute drohenden Fachkräftemangels gehen wir davon aus, dass die Unternehmen auch in Zukunft ausreichend Ausbildungsplätze anbieten werden.

Frage: In Berlin gibt es die Diskussion zur Abschaffung der Hauptschule. Was halten Sie davon?

Försterling: Wir sehen, dass die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen, wie es in anderen Bundesländern geschehen ist, nicht dazu führt, dass die Hauptschüler stärker gefördert werden. Dies kann nicht die Lösung sein. Wir haben in Niedersachsen mit dem Hauptschulprofilierungsprogramm die Hauptschüler stark gefördert: Sie lernen in kleineren Klassen, ihnen stehen Sozialpädagogen zur Seite, sie können während der Berufs- und Praxistage bereits Kontakte zu Ausbildungsbetrieben in der Region knüpfen. Diese Maßnahmen sind erfolgreich: die Quote der Schulabbrecher ist rückläufig. Wir wollen die Hauptschulen erhalten, weil wir dort die Hauptschüler individuell fördern können. In Regionen, wo die Hauptschule nur noch von ganz wenigen Schülern angewählt wird, müssen wir sicherlich nach Lösungen suchen, dies darf aber nicht dazu führen, dass die Förderinstrumentarien für die Hauptschüler abgebaut werden.

Frage: Wie bewerten Sie die derzeitige Situation des Bildungswesens in Niedersachsen?

Försterling: Wir haben viel erreicht in den letzten fünf Jahren, dabei haben wir den Lehrkräften, den Schülerinnen und Schülern und den Eltern auch viel abverlangt. Die aus meiner Sicht wichtigste Reform war die Einführung der eigenverantwortlichen Schule. Wir glauben, dass die Qualität des Unterrichts und der Schule noch weiter steigt, wenn die Verantwortung über Entscheidungen, die den Schulalltag betreffen, von denen getroffen werden, die vor Ort sind, also von den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den Eltern. Diesen Weg werden wir konsequent fortsetzen.